drago jančar – die nacht, als ich sie sah

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vinegar

von der gier zu leben verkündet der rücktitel dieses buches, in dem es nur vordergründig um eine faszinierende junge frau in zeiten des krieges geht, tatsächlich um eine darstellung bürgerlicher rückwärtsgewandtheit und das verhältnis von kultur zu tier: in drago jančars reaktionärem roman kommt u.a. ein wehrmachtsoffizier kritikfrei zu ehren und partisanen werden als unzivilisierte waldwilde geschildert. karl-markus gauß findet das meisterlich gut.

die nacht, als ich sie sah ist ein buch, das sich auf eine wahre begebenheit zu beginn des jahres 1944 im heutigen slowenien bezieht und daraus das kapital der rehabilitation der kriegsparteien schlägt, sofern sie der alten k.u.k-bürgerlichkeit nahestehen. die junge frau veronika ist noch zur zeit des jugoslawischen königreiches mit dem slowenischen industriellen leo verheiratet, beginnt eine liebschaft beim reitunterricht – oh so schlüpfrig – mit einem feschen serbischen offizier der königsgarde, die beiden werden in den hintersten serbischen winkel strafversetzt, veronika ist irgendwann so angeödet vom rückständigen hinterdörflerdasein, dass sie via zagreb zurück in die vergebenden arme leos flieht, ihn erneut heiratet und auf seinem bei lubljana befindlichen herrschaftshaus lebt, bis das paar von partisanen als kolloborateure und kriegsgewinnler verhaftet und wohl noch am selben tag im wald hingerichtet und verscharrt wird. jančar erzählt diese geschichte in fünf kapiteln aus fünf blickwinkeln überlebender beteiligter kurze zeit nach kriegsende. das könnte soweit als modern durchgehen, wenn – ja wenn der ganze roman nicht wäre, denn den anfang der fünf zeugen macht der serbische offizier, der für sich genommen eine karikatur einer joseph-roth-figur abgibt, nur ist er gar nicht komisch angelegt: der kerl meint es in seiner hoffnungslos veralteten steifheit loyalität liebesberauschtheit ehrbewusstheit patriotismus absolut ernst. und nach ihm veronikas greise mutter, die ausschließlich in der vergangenheit lebt und diese betrauert. nach dieser der wehrmachtsoffizier, der den bösen verdacht der kolloboration zerstreuen möchte, da er ja als arzt nicht so wirklich zur wehrmacht gehört, ein bisschen reue über den krieg empfindet und bei leo und veronika auch nur zu klavierabenden als gast weilte. nach diesem dann das dienstpersonal, das noch einmal die großzügige und gebildete herrschaft preist und das verbrechen gesühnt sehen möchte. und ganz am schluss ein verräter, ein partisan aus dem wald, der zuvor auch als gärtner dem paar diente – jančar versucht gar nicht erst, seine sympathien irgendwie zu kaschieren, lässt die ersten vier erzähler*innen die eleganz und gebildetheit veronikas preisen und sie übertreten jederzeit mühelos die schwelle zum kitsch:

Der Mond schien auf ihr glattes blondes Haar. Die Gnädige sang: „Tutti mi chiamano bionda, ma bionda io non sono…“ und tanzte durchs Zimmer, sie war ganz versunken in ihre Erinnerungen.

während die partisanen ihre antipoden sind und bleiben werden:

Sie kamen mitten im Winter, wie nächtliche Wölfe. […] Plötzlich liefen sie durch die Burg, gingen in die Zimmer, durchwühlten Schubladen und trugen verschiedene Sachen auf den Burghof. Sie fragten nichts, sagten nicht, weshalb sie gekommen waren und was sie suchten, sie schrien oder drohten nicht, schweigend taten sie ihre Arbeit, nur hier und da fiel ein abgerissener Befehl.

eine stärkere, plakativere, dämlichere schwarz-weiß-zeichnung lässt sich kaum denken. und jančar revidiert diese konstellation im gesamten roman nicht. wenn man den furchtbar altbacken und gekünstelt klingenden text auch nur im ansatz ernst nehmen oder mit interesse lesen wollte, so fehlt jegliche entwicklung, jegliche veränderung in den behaupteten perspektivwechseln. es ist stets ein einziges lamento über das untergegangene, geraubte, kulturlos ermordete schöne: veronika lässt sich als sexuell überladene allegorie des serbischen könig-/habsburgischen kaiserreichs lesen, die blond-blöd-eitel mit alligator und wallender mähne umherspazierenden großbürgerliche herrlichkeit – die gestaltgewordene vormoderne, dessen verschwinden der roman betrauert. klebrig wird das ganze durch die vollständige zurückweisung politischen kontextes – veronika trägt die selbstverständlichen züge der unschuld, quasiheilig und fin-de-siècle-femme fatale in eins gequetscht, böswillig kulturlos von wilden aus dem wald zerstört.

damit ist er eine variation des schon damals eklig reaktionären romans die glut des damals als wiederentdeckung gefeierten sándor márai. das besondere detail: der anfangs erwähnte karl-markus gauß, der selbst sehr lesenswerte bücher über minderheiten europas schrieb, nannte in der süddeutschen zeitung maráis roman kulissenschieberei, aus dem der staub altösterreichs riesele und wunderte sich über die lächerliche ernsthaftigkeit des textes. gleicher gauß stellt zwanzig jahre später im gleichen blatt einen im grunde identischen roman als ein meisterwerk der europäischen erzählkunst vor. wie doch die zeit vergeht.

womöglich gibt es eine spezifisch slowenische perspektive auf diese zeit und ihre ereignisse, die den öden bis lächerlichen bis relativierenden und reaktionären text selbst in anderes licht stellen könnten. denn die jahre nach dem ersten weltkrieg und bis zum beginn der jugoslawischen volksrepublik sind für ungeschulte leser*innen im grunde nicht zu erfassen. dass etwa zur slowenischen spezifik ihr status als banschaft drau im königreich jugoslawien gehört, zugleich die territorialen varianzen und herrschaftswechsel des gebietes des heutigen sloweniens, teile zu italien gehörend, teile zum jugoslawischen königreich, dann deutsche herrschaft und/oder deutsche militärverwaltung der operationszone adria, flankiert vom kroatischen, faschistischen ustascha-staat – es gäbe vieles, das ein guter verlag zur historischen einordnung, als lektürestütze, als weiterführende informationen beigefügt hätten haben können, für das leseverständnis sehr wahrscheinlich notwendige anmerkungen, um auszugweise den historischen kontext der ganzen sache zu erfassen. und so vielleicht auch den schock nachvollziehbar zu machen, den die proletarischen partisanen beim vom krieg und von jeher in allen politischen konstellationen profitierenden großbürgertum auslösten: den schock zu wissen, dass man nun nicht mehr einfach davonkommt, denn die königlich-vormoderne ordnung stützte sich auf die wahrheit, dass soldaten die kleinen leute sind, die in den kriegen für das überleben des kapitals ihre rübe hinhalten – nun, in diesem zweiten weltkrieg, aber eben nicht mehr. dass er mit dem kriegsende 1945 bzw in der nacht… bereits mit dem tod veronikas die tradierte ordnung für ewig an „wölfe“ verloren hat, beklagt jančar also wortreich und schreibt sich so ein in einen von männern dominierten konservativen bis reaktionären, intellektuell zutiefst antimodernen, in konsequenz antieuropäischen literaturzirkel (tellkamp, handke, lewitscharoff etc), um den man getrost einen großen historischen bogen machen darf.

drago jančar. die nacht, als ich sie sah. folio 2015. 200s. 19,90€.

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