wie bücher sein sollen

eine besprechung eines romans außerhalb der longlist, cora wucherer „all die farben, all das licht“ von mike altwicker im wdr 4. auch hier gibt es eine radio-hörversion im programm von „schneider am sonntag“, die ist 4min lang, und einen erbärmlich kurzen text von zwei absätzen bzw 1400 zeichen. das wort „rezension“ ist beinah länger.

die hörversion ist ein gute-laune-minipodcast. mike altwicker ist im gespräch mit der gastgeberin der sendung ute schneider, und beide sind einfach mega drauf an diesem sonntag mitte juli 2026. es wird sich über das cover unterhalten in einem gescripteten frage-antwort-gespräch. und dann darf altwicker ins buch einsteigen mit der ankündigung, es würde „vom ersten satz an wirklich erschüttern“. dieser doch herbe dämpfer für die gute laune der beiden moderierenden ist nur vorgeschoben, das gespräch pingpongt munter weiter hin und her im umgangsplauderton, als würden sie sich leicht angekokst vorm kaffeeautomaten begegnen. „ok, das klingt jetzt aber nicht nach licht und farben, sondern eher nach dunkel, worum gehts genau?“ fragt ute und dann darf mike inhaltlich loslegen, um nach einer beschreibung der hauptfiguren und ihrer beziehung noch einen textauszug vorzutragen, den einzigen während der besprechung, nämlich den ersten satz. und dieser sei schon „die absolute wucht“. und dann folgt nach einer spontanen frage von ute – „da frag ich mich doch direkt…“ – eine ausführliche inhaltsbeschreibung des romans. es geht um kunst bzw eine hochtalentierte angehende künstlerin und ihre zutiefst eifersüchtige jüngere schwester, um eben farben und licht und dass die begabte schwester ertaubt und erblindet. auch im podcast fällt altwicker dabei nicht auf, dass es ein womöglich groteskes wortspiel sein könnte, wenn die jüngere schwester sich von der erblindenden älteren „nicht gesehen“ fühlt. in der textversion kommen die kalauer in noch engerer folge: juna träume von einer „Karriere als Malerin“, aber die erkrankung werfe „einen dunklen Schatten“, denn sie drohe das „Augenlicht zu verlieren“, während sich die junge Martha oft „völlig unsichtbar“ fühle. es ist nicht im gespräch zu hören und im text nicht ersichtlich, ob diese bilder einem eher achtlosen umgang mit sprache, einem überironischem scherzkeks oder ganz und gar dem buch selbst entsprungen sind. sich neben eine erblindende junge frau zu stellen und zu bemängeln, völlig unsichtbar zu sein, muss man mal in einer rezension so bringen.

ähnlich unverständlich ist es, wie der rezensent gänzlich – nun ja – übersehen kann, dass der von der jungen schwester gewählte fluchtraum kino das thema licht und farben dann ins bewegte bild weitet. inwieweit das eine funktion erfüllt für den fortgang des romans und die sich anschließende bewegte situation des roadmovies antreibt, bleibt ebenso unklar. vielleicht gibt es im roman ja nicht viel zu, äh, sehen, aber ganz zufällig scheint das setting einfach nicht. sei’s drum. die schwestern lernen sich eben auf der fahrt „besser kennen“ und ute im radio hofft, dass sie wieder „zueinander finden“. denn nichts sei schlimmer als traurige literatur, bzw: „ich bin ja persönlich nah am wasser gebaut, deshalb meine frage: brauch ich taschentücher?“ doch mike kann beruhigen: das buch sei „durchweg optimistisch“, man könne es „in einem rutsch“ lesen, sei „bestens unterhalten“ und man sei am ende gar „richtig glücklich“. damit ist die aufgabe von literatur also erfüllt: „ok, so soll das sein.“ und das buch ist so richtig gut gelaunt einmal grundlegend durchrezensiert.

bzw noch nicht ganz, denn ein lob hab ich unterwegs unterschlagen: die „poetische sprache“ des buches bzw der autorin, wie altwicker findet. leider gibt er kein beispiel davon, um das im radio hörbar oder in der textfassung lesbar zu machen. immerhin aber gut zu wissen. allzu sehr abgefärbt auf seine besprechung hat die poesie jedenfalls nicht, denn die stark abgegriffenen formulierungen („dunkler schatten“, siehe oben) ziehen sich bis zum ende des podcasts und kurzen besprechungstextes: so eine reise zeige eben, dass man „manchmal weit weg fahren“ müsse, um sich „nahe zu fühlen“. puh. vielleicht ist übergute kaffeeautomatenlaune doch nicht ideal fürs bücherlesen, eine derart plappernde sonntagsfrühstücksradiobesprechung wünscht man jedenfalls nicht vielen büchern.


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