óscar martínez & juan josé martínez – man nannte ihn el niño de hollywood

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in der fiktion im roman im film im traum ist alles auszuhalten, jede noch so hässliche verwerfliche entsetzliche handlung zu der menschen unter bestimmten umständen fähig sind, das fiktionale schafft distanz, trotz aller emotionaler nähe: das fiktive ist erträglich. die umfangreiche reportage von óscar und juan josé martínez bildet das leben und sterben eines killers der mara salvatrucha wie es im untertitel heißt und damit die kaum zu ertragende realität in einem der tödlichsten staaten der welt ab. eine beinah hoffnungslose gegenwart. ein fassungsloser bericht. ein beeindruckendes buch.

es ist vordergründig das portrait des jungen miguel ángel tobar, der schon als kind zu einem äußerst brutalen killer einer der gewalttätigsten gangs der welt gehörte, über 50 menschen tötete, aus der gang ausstieg und als kronzeuge gegen sie aussagte und half, einige bandenchefs zu verurteilen – und schließlich selbst als verräter ermordet wurde. es ist das tatsächliche portrait eines seit weit über einem jahrhundert von ausbeutung, extremer armut, äußerster gewalt, menschenverachtung, korruption, massakern, bürgerkriegen, zerstörungen, traumata und der seuche ms-13 gezeichneten landes. el niño, wie sich miguel ángel in seiner späten bandenmitgliedschaft nannte, ist ein mörderisches produkt all dieser ihm selbst nicht bewussten zusammenhänge, wie die autoren bereits im vorwort anführen:

Letzten Endes handelt dieses Buch nicht nur vom Leben eines Killers der größten Verbrecherbande der Welt, der einzigen El Salvadors, die auf der schwarzen Liste des Finanzministeriums der Vereinigten Staaten steht und ständig in den Hetzreden von Donald Trump erwähnt wird, der Bande, die unter dem Namen Mara Salvatrucha 13 unzählige Gangs vereint und die in jedem Departement von El Salvador präsent ist. Im Grunde ist dieses Buch unsere Art, den Hinterhof der Vereinigten Staaten zu verstehen und zu erklären. „Shithole“, nannte es Trump, als handele es sich um etwas, das mit dem, was Regierende wie er aufzubauen und zu zerstören geholfen haben, nichts zu tun hat.

Dies ist die Geschichte von etwas Großem. Dies ist der Bericht über etwas Monströses, Länderübergreifendes. Dieses Buchs Buch erzählt die Geschichte von Gewalt, eine Geschichte, die andauert, die weiter lebendig ist, die pulsiert und sich ausbreitet, die rekrutiert und aus- und einwandert. Eine unerhörte, wenig verstandene Geschichte, erzählt aus der Perspektive eines Niemands, eines Vergessenen, eines Mannes, der war, wie viele andere sind. Das mikroskopisch Kleine, um das Globale zu verstehen.

welche dimension miguel ángels leben tatsächlich besitzt, wird bereits bei seinem allerersten mordversuch 1994 deutlich, im alter von 11 jahren. er hält sich zwischen kaffeesträuchern versteckt und versucht, einen der vorarbeiter der kaffeeplantage mit steinen zu erschlagen. der mann hatte sich wie häufig mit miguel ángels vater, einem der tagelöhnenden plantagenarbeiter, einem ehemaligen miquero, betrunken. miqueros sind äffchen, die in den kaffeesträuchern schatten spendenden bäumen herumklettern müssen, diese zu beschneiden haben, ungesichert und jederzeit in gefahr abzustürzen – miguel ángels vater stürzte ab und blieb gelähmt, mit seiner frau und drei kindern zogen sie von einer zur anderen plantage, bis sie sich auf einer niederlassen konnten, im bezirk el paraíso: der vorarbeiter erlaubte es und erpresste sich das recht, dass die 15jährige tochter des miquero ihm zu willen sei. monatelang, allabendlich, betranken sie sich, nach den vergewaltigungen. miguel ángel ertrug das nicht mehr und wollte den mann töten.

die widerwärtige ungerechtigkeit und rücksichtslose ausbeutung auf den kaffeeplantagen ist ein zentrales element in el salvador. in der zweiten hälfte des 19. jahrhunderts bricht nach der entdeckung einer billigen chemischen produktion von indigo der handel mit indigo-pflanzen komplett zusammen, von dem das land bis dahin abhängig ist. also wechseln die plantagenbesitzer zur sehr empfindlichen kaffeepflanze und nutzen dafür vorrangig das land der indios – und diese werden Ende des 19. jahrhunderts per gesetz zu billigen arbeitskräften. so blüht der kaffeehandel im neuen jahrhundert für die grundbesitzer und die rechtelosen indios und plantagenarbeiter schuften – bis sie sich anfang der 1930er jahre organisiert wehren. was 1932 zu einem gezielten genozid an den indios führte – el matanza gilt als die blutigste epoche des landes und als ende der existenz der indigenen bevölkerung. es folgte eine lange militärdiktatur, immer wieder gefälschte wahlen, der fußballkrieg mit honduras, zunehmende instabilität durch kommunistische guerillagruppen, bis es 1980 in einen offenen bürgerkrieg mündete, der bis 1992 andauerte, als „testfeld des kalten krieges“ militärisch massiv von den usa unterstützt wurde, über 75.000 tote zur folge hatte – und mehr als eine million geflüchtete, vorrangig in die usa, vorrangig nach los angeles. wo die ankommenden ein klima der bandenkriminalität vorfinden und früh eigene banden gründen, unter grotesk lächerlichen umständen. doch die banden wachsen und schließen sich gegen andere zusammen, die mara salvatrucha entsteht. nach dem ende des bürgerkriegs versuchten die usa unter dem namen null-toleranz-strategie die banden loszuwerden und schoben hunderttausende salvadorianer ab – die banden gründeten sich in el salvador neu und erweiterten sich mit den kindern der plantagenarbeiter, mit den ärmsten der armen. das sinngebende versprechen der gangs: wertschätzung. ansehen. respekt. gemeinschaft. familie. und radikale rivalität zu anderen gangs. so stößt auch miguel ángel dazu, mit 12 jahren, nachdem er bereits gemordet hat, als mitglied einer kleinstbande tötete er mit einer machete einen anderen jungen, der ihn ausgelacht hatte.

der mehrfach ausgezeichnete investigativ-journalist óscar martínez vom online-magazin elfaro.net und der soziologe juan josé martínez haben el niño mehrfach getroffen bei ihrer recherche zur mara salvatrucha 13, als er sich unter dem erbärmlich ausgestatteten zeugenschutzprogramms im hinterhof einer polizeistation im letzten winkel des landes aufhielt, monatlich versorgt mit einem dürftigen verpflegungskorb, mit einer selbstgebauten handgranate als versicherung, seinen tod bei angriff selbst wählen zu können, und mit seiner „frau“, einem minderjährigen mädchen seiner erweiterten familie, die zum zeitpunkt seines todes 18 jahre alt sein wird, mit der er zwei kinder hat, das jüngere wenige monate alt. die beiden autoren protokollieren diese treffen, die politisch-historischen hintergründe im land und der ms-13, der bestie, wie die bande auch genannt wird, und schildern eindringlich die umstände der aufgrund el niños aussagen erfolgter verhaftungen, die zustände in reihen der justiz und den haftanstalten selbst. und immer wieder auch die gewalt in ihrem ganzen fassungslosen entsetzen. el salvador war 2015 das gewalttätigste land der welt, mit einer mordrate von 105 pro 100.000 einwohner – diese katastrophalen dimensionen bedeuteten für eine stadt wie hamburg im jahr rund 1.800 morde, für ganz deutschland über 80.000 tötungen. im jahr 2018 war die mordrate in el savador auf die hälfte gesunken. die usa sprechen bei einer rate von 10 / 100.000 von einer epidemie.

die autoren haben ein buch verfasst, das einen kaum mehr loslässt. es ist herausragend geschrieben, sehr breit und detailliert in der darstellung, immer wieder reflektieren die autoren ihre rolle, ihre arbeitsweise, ihren stil, um die distanz zu wahren, denn bei aller trostlosigkeit und erbärmlichkeit – sie sprechen mit einem der meistgejagten und brutalsten killer des landes, für den sie natürlich auch verständnis haben, in der situation, in der er sich befindet: de facto todgeweiht und dennoch trotzig sich an die karge dürftige gegenwart im bretterverhau klammernd, die im buch gezeigten fotos belegen auch das.

die reportage man nannte ihn el niño de hollywood beinhaltet darüberhinaus die wohl grausamsten momente die ich bisher gelesen habe. es sind beschreibungen fern jeder effekthascherei, dabei doch schonungslose und beinah ungefilterte beschreibungen von einigen äußerst verstörenden morden, die schlachtungen gleichkommen – von solcherart entsetzlicher grausamkeit, die weit jenseits uns bekannter darstellungen von bandenkriminalität liegen wie etwa in city of god dargestellt, sind die an sich schon unbegreiflichen statistiken gefüllt.

man nannte ihn el niño de hollywood ist ein buch, für das man starke nerven braucht. es hat einen lakonischen klang, wenn die autoren im vorwort schreiben Wir wollen Fenster aufstoßen. Allerdings ist das, was auf der anderen Seite zu sehen ist, nicht angenehm. man kann das auch als triggerwarnung lesen. es ist das enorme verdienst der beiden autoren, diese nicht angenehme gegenwart, mit der wir nicht allein über kaffeekonsum, auch politisch tagtäglich verbunden sind, ohne sie zu erkennen, derart nah heranzurücken an oder in unsere gegenwart. denn das, was dort steht, geschieht jetzt, in diesem moment.

es ist eben keine fiktion, das geschilderte lässt sehr wenig möglichkeiten für distanz, auch wenn miguel ángel tobar nicht mehr lebt, so lebt die mara salvatrucha 13 und das land el salvador wird auf absehbare zeit zu keiner ruhe finden, überfordert in einem von ähnlicher kriminalität geplagten mittelamerika, hilflos, degradiert, vergessen, allein gelassen und ohne chance, langfristige lösungen für die viel zu vielen probleme zu entwickeln.

óscar martínez / juan josé martínez: man nannte ihn el niño de hollywood. leben und sterben eines killers der mara salvatrucha. übersetzt von hans-joachim hartstein. antje kunstmann, münchen 2019. 320 s. 25€.

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