hwang dong-hyuk – squid game

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kino, vinegar

zu dieser serie ist in den vergangenen wochen allerlei gesagt worden, vor allem als erklärungsversuche zum enormen erfolg dieser südkoreanischen netflix-serie. dabei ist der erfolg durchaus folgerichtig, denn das filmland südkorea ist für amerikanische investoren seit über 10 jahren höchst attraktiv, und auf dauer auch lukrativer als der große chinesische markt, dessen wesentliche schwäche seine parteiideologische begrenztheit ist. im gegensatz dazu war das filmland südkorea seit der korean new wave nach ende der militärdiktatur 1987 und seiner sich seitdem fortsetzenden öffnung äußerst produktiv gewesen. ab den späten 1990er jahren sind immer wieder außergewöhnliche filme aus südkorea in diversen festivals erfolgreich, die enorme kreativität und vielfalt des südkoreanischen kinos forderte das publikum heraus und gab neue impulse. filmereignisse wie oldboy, memories of murder, oasis oder samaria und viele weitere herausragende filme der 2000er jahre zeugen von einer einzigartigen vielfalt – wenn auch leider bis heute nur in ausnahmen mit weiblicher handschrift.

mit einstieg amerikanischer investoren in den südkoreanischen markt ab 2010 lässt sich eine veränderung beobachten, die sich zusammenfassen lässt als annäherung an westliche bzw hollywood-amerikanische sehgewohnheiten und erwartungen. diese annäherung erfolgt durch glättung von ambivalenzen, eindeutigkeiten von figuren, erklärende dialoge, betonung und stärkung von genrefilmen, visuelle makellosigkeit, fokus auf entertainment. the wailing ist dafür ein exzellentes beispiel: optisch großartig im stil des asiatischen horrorkinos, alles ist erklärend auserzählt, die figuren sind moralisch klar auf gut und böse verteilt, den zusehenden wird nichts abverlangt, ein perfekter unterhaltungsfilm. weitere beispiele lassen sich problemlos im crime-genre finden, etwa the suspect oder aktuell the gangster, the cop, the devil. oder im historischen film wie dem teuren, mit koreanischen stars gefüllten the age of shadows oder der admiral. eindeutigkeit und komplexitätsreduktion zugunsten des unterhaltungsfaktors ist den meisten filmen des letzten jahrzehnts eingeschrieben, um koreanisches kino auch international vermarkten zu können. es ist nur ein effekt der zunehmenden korea-fixiertheit der popkultur, die als „hallyu“ oder „koreanische welle“ bezeichnet wird und mit jeder menge leicht und vergnügt goutierbarem aufwartet.

spätestens seit bong joon-hos parasite ist koreanisches kino im zentrum der aufmerksamkeit und damit markttauglichkeit angekommen. auch wenn sich parasite gegen allzu unterhaltsame lesarten sperrt und durchaus widerständig ist, wie auch einige wenige andere filme wie etwa lee chang-dongs burning oder park chan-wooks die taschendiebin, so sind bong und park schon längst keine unbekannten mehr im amerikanischen kino und haben wie auch kim jee-won in amerika gedreht. (es überrascht nicht, dass snowpiercer, okja, the last stand und stoker alle hinter den möglichkeiten ihrer regisseure zurückbleiben.) insofern ist der erfolg von squid game nur folgerichtig, ebenso wie seine offensive vermarktung.

squid game, das tintenfischspiel, ist im wesentlichen eine aneinanderreihung bekannter bilder und motive, das ganze in einem dystopischen crime-horror-setting. das wesen der serie ist ihr sadismus, aus dem sterben und quälen von menschen ihren unterhaltungswert zu beziehen. hoffnungslos verschuldete menschen finden sich in einem weltenthobenen lager wieder, wo sie kinderspiele überleben müssen, um am ende eine riesige geldsumme gewinnen zu können, je weniger menschen das überleben, desto mehr geld gibt es am ende. das setting ist ebenso zynisch wie menschenverachtend und in seiner dystopischen anlage so bekannt wie leicht verständlich. nicht zuletzt aus den tributen von panem und ähnlich aufgebauten (ohne todesdrohung natürlich) shows im tv, auch historische erfahrungen menschenverachtender inhaftierung in lagern ruft die serie auf, kz, gulag, usw. es gibt die inhaftierten, es gibt die überwacher, macht und gewalt: den tod als ultimative drohung verstehen alle. das ganze ist dann zuckersüß aufbereitet und netflix-tauglich durch die quietschbunte farbgebung passend zu den brutalen kinderspielen. denn im bunten gewand ist jede grausamkeit erträglich, auch wenn sie noch so expilizit gezeigt wird wie das sich gegenseitige nächtliche abschlachten der inhaftierten, die grelle farbgebung verstärkt den zynismus. und die toten werden in öfen verbrannt – in särgen mit geschenkschleifchen drumgebunden. es ist allzu offensichtlich, dass wir einem entmenschlichenden „spiel“ zuschauen einer im wahrsten sinne gesichtslosen macht (alle täter und schergen auf seiten der spielführung sind maskiert und werden bei enttarnung getötet), die sich in geld und gewalt zeigt: dem „kapital“. diese, nun ja, gesellschaftskritik auf 9 folgen zu strecken und gar noch eine westliche globalisierte finanzelite in goldenen tiermasken – die „v.i.p.s“ – als hintermänner zu präsentieren, zu deren belustigung die spiele veranstaltet werden, ist schon arg dünn, zudem mit antisemitischer note gewürzt.

squid game hat kein interesse an irgendwelchen gesellschaftskritischen tönen, auch nicht an seinen figuren, die allesamt flat characters sind mit dem naiven aber herzensguten unglücksraben als hauptfigur. wie wenig interesse die serie an den 455 bemitleidenswerten spieler*innen hat (die person 001 hat sich aus spielfreude zu den spielenden gesellt und gehört eigentlich zur bösen elite) zeigt sich bereits im ersten spiel, wo in wenigen minuten über die hälfte von dutzenden maschinengewehren abgeschlachtet werden, ohne dass man etwas über sie erfahren hätte. die überlebenden werden spiel für spiel zu unsolidarischem verhalten erzogen, wie es sich für das competiton-genre im tv gehört. jedoch: bis in folge 7 gibt es – im gegensatz etwa zu tribute von panem – de facto nur den schwarz maskierten spielführer als publikum zu den veranstalteten grausamkeiten, es ist ein in sich geschlossenes system auf einer abgelegenen insel. fast – denn das publikum sitzt natürlich vor den netflix-geräten und kann die entwürdigung und entmenschlichung gemütlich binge-watchen. squid game hat als einziges ziel die unterhaltung, auch wenn sie das selbst anhand der v.i.p.s kritisierend ausstellt, doch die freude über den rekord beim weltweiten serienschauen wird dadurch keineswegs geschmälert, im gegenteil: 111 millionen netflix-abos ziehen sich weltweit zynische kapitalismuskritik zur unterhaltung rein, läuft. das also ist aus dem koreanischen kino inzwischen geworden, wenn es nur ordentlich mit geld gefüttert ist und weltweit erfolgreich sein soll. bunt, sadistisch, substanzlos. und alle kehren zur zweiten staffel vor die geräte zurück. so wie die hauptfigur gi-hun, der sich ohne jede nachvollziehbare motivation beim einstieg ins flugzeug gegen den besuch seiner tochter entscheidet und lieber nochmal zu den kinderspielen 2.0 zurückkehrt. er möchte herausfinden, wer wirklich dahinter steckt, liebe grüße an die verschwörungsfreunde. mehr begründung braucht es offenbar nicht.

es ist davon auszugehen, dass in staffel 2 alle spuren von armut als gesellschaftlicher makel sowohl aus der figur gi-hun als auch aus der serie weitgehend verschwunden sein werden, denn so richtig ernst genommen als thema der serie hat das ja eigentlich sowieso niemand.

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